Gesund durch Essen
Ernährungsberatung und NAET-Behandlung von Allergien und Unverträglichkeiten
Dr. med. Peter Marko, 
Heinestrasse 26, CH-9008 St.Gallen 
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  Ueber Essen, mit etwas Abstand

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Addio Fiorentina

cf. Polizisten verdroschen haben wir keine, aber den Aufstand im Kleinen, den haben wir, zwar keine echten 68er, doch immerhin im gleichen Jahr eingeschult, schon geprobt. Zum Beispiel im Restaurant: Immer nur Entrecôte, schleuderten wir unseren verdatterten Eltern am vermeintlichen fleischlichen Monats-Highlight entgegen. Auch wir 61er hatten schon früh unsere eigenen Vorstellungen.

Aus dem Aufmucken gegen Gabel und Messer wurde kein Kreuzzug gegen Fleisch. Im Gegenteil, als Sportnovizen in engen Badehöschen und mit vielversprechendem Jahrgang verdienten wir uns unser tägliches Schnitzel in nasskalten, der Spasskultur noch kategorisch abschwörenden Bädern. Und samstags, vor dem «Schnellsten Zürifisch» oder einem anderen epochalen Titelkampf, machten wir erst ein halbes Rind und dann die ganzen Gegner platt. Es war die gute alte Zeit, in der alles so einfach war. Und man trotzdem alles falsch machte. Nicht, dass wir nur falsch, weil ständig übersäuert, trainierten, auch die Ernährung, die Kompensation allen Leidens, war aus heutiger Sicht ein schlechter Witz. Hatte Urs Zimmermann Mitte der achtziger Jahre mit der Einführung des Müesli in den Giro di Pasta und die Tour de Flan noch Kopf- und vor allem Magenschmerzen ausgelöst, so futtert heutzutage praktisch jeder Ausdauersportler fast ausschliesslich Kohlenhydrate. Oder sieht die Triathlon- Olympiasiegerin Brigitte McMahon vielleicht aus, als ob in ihrem schweizerisch-amerikanischen Haushalt Bratwurst und Hamburger den Menuplan dominieren?

Umso paradoxer klingt deshalb die Meldung von der Auflösung des Linda-McCartney-Teams. Der Vegetarismus-Feldzug im Radsport ist trotz günstigen Vorzeichen abrupt gestoppt worden, der Beatle Paul McCartney offenbar nicht mehr zu überreden gewesen, das Erbe seiner 1998 verstorbenen Frau weiterzuführen. Wozu, mag sichSir Paul überlegt haben, Millionen in eine Kampagne buttern, wenn der «Markt» von alleinespielt? Denn Steaks rühren nicht nur die wenigsten Sportler noch an, auch die restlichen Konsumenten üben sich, wenn auch nicht ganz freiwillig (BSE!), neuerdings im Verzicht. Auf die Gefahr hin, dass sich die eine oder andere Träne mit dem Gemüse-Risotto vermischt: «Die Entscheidung wurde um sechs Uhr gefällt», hält «La Repubblica» mit sicherem Gespür fürs Melodrama den Moment fest, als die EU am Montag das T-Bone- Steak auf den Ernährungsindex setzte und eine Nation bis ins Mark traf.

Addio Bistecca Fiorentina. Wir 61er haben's geahnt.

NZZ, 31. Januar 2001

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Sportplatz

Unsere Hoffnung heisst Nuttli

 

Die erwachsene Schweizer Bevölkerung lässt sich in drei Gruppen aufteilen. Zur Ersten gehören die Menschen, die sich naturgemäss am Morgen wägen. Zur zweiten Gruppe gehören jene Leute, die es trotz schwer wiegendem Magen lieber abends tun, während die dritte Fraktion ein paar Exzentriker umfasst, die ihr Gewicht bloss jeden Montag oder immer nur am Monatsersten oder überhaupt nie feststellen. Und dann gibt es noch Nuttli. Sie wissen schon: der Jean Nuttli.

Ich selber gehöre zu den Normalos, also zu Typus 1. Jeden Morgen, nachdem der Wecker zum Tagwerk gerufen hat, marschiere ich auf die Toilette, um den Flüssigkeitshaushalt meines Körpers auf ein Minimum zu reduzieren. Dann geht's unter die Dusche, wo ich unter einem straffend kalten Wasserstrahl im Geiste die gewichtsspezifischen Faktoren bei der Nahrungsaufnahme des vorangegangenen Tages addiere. Frühstück: solide (Bio-Müesli mit Migros-Heidelbeeren). Mittag: betont defensiv (Tomaten/Mozzarella). Abendessen: ideal (ungebundene Kürbissuppe, Kamillentee). Fazit: Bis zu jenem Zeitpunkt wäre es noch denkbar gewesen, dass ich es mit meinem heutigen Morgen-Messwert unter die Top 50 meiner Jahresbestenliste schaffe. Nur hat mich gestern, kurz vor dem Zubettgehen, am Rande eines Fernsehkrimis dann leider ein herber Rotwein-und-Willisauer-Ringli-Rückschlag ereilt. Womit ich heute früh im günstigsten Fall auf dem Niveau des Vortages abschliessen werde.

Betreten steige ich aus der Duschkabine und drehe das Radio an. (Ich habe es nicht gern, wenn man mir beim Wägen zuhört.) Ich rubble mich bis auf den letzten Tropfen trocken, lege den Bademantel weg, kicke gegen den Auslösemechanismus meiner «Soehnle»-Präzisionswaage, setze Fuss um Fuss auf die Tragfläche und weiss, obwohl momentan auf dem Display noch harmlos zwei Nullen blinken, was jetzt gleich kommen wird: acht, zwei, zwei. Manche werden jetzt sagen, 82,2 seien rein gar nichts. Aber 82,2 sind genau zehn Kilo über dem von Boss und Armani empfohlenen Männer-Model-Normalgewicht. Und ob ich mir dick vorkomme, bestimme ich immer noch selber.

Auf DRS 1 läuft gerade die Sendung «Morgenstund hat Gold im Mund», aber ich bin bereits stinksauer. «So kann es nicht weitergehen, du fleischkäsiges Phlegma!», fauche ich meine unglückliche Visage im Spiegel an. Und gelobe, während ich angewidert an meinem Front-Airbag herumknete, sofortige Besserung. Natürlich weiss ich, dass sich diese deprimierende Szene nicht nur in diesem, sondern in Hunderttausenden von Haushalten hierzulande allmorgendlich wiederholt. Weil die grosse Mehrheit der Schweizer mit Gewichtsproblemen kämpft, steigt der Souverän im Morgengrauen nahezu kollektiv auf die Waage, voller Hoffnung, dass die läuternde Nacht vielleicht ein paar Kilos wegverdaut haben könnte. Was natürlich nie der Fall ist. Weshalb wir dann den ganzen Tag so dreinschauen, wie wir dreinschauen. Wir alle, ausser Nuttli. Sie wissen schon: unser Jean Nuttli.

Jean Nuttli ist - man konnte es dieser Tage in allen Zeitungen lesen - der neue nationale Hoffnungsträger. Dieser gelernte Karosserielackierer aus dem fernen Kriens war einst ein braver Amateur-Radrennfahrer, ein ziemlich viel versprechender sogar, wenn auch vielleicht ein etwas pummeliger. Und Nuttlis Hang zum Pummeligen nahm noch zu, als er eine Weile lang irgendwie keine rechte Lust mehr aufs Velofahren hatte und sich statt dessen fast nur noch beim Essen bewegte. Dementsprechend musste Nuttli eines Morgens feststellen, dass ihm auf der Waage die Ziffern eins, zwo und fünf entgegenleuchteten. 125 Kilo auf nüchternen Magen! Kein Wunder sagte sich auch Nuttli, was man sich halt so sagt in in solchen Situationen: «So kann es nicht weitergehen, Nuttli!»

Ganz im Gegensatz zu uns gewöhnlich missmutigen Morgenwägern sagte Nuttli das aber nicht nur, sondern er tat auch etwas. Er setzte sich nämlich auf den Velo-Hometrainer und strampelte volle vier Monate lang! Immer an Ort und immer zwischen zwo und sieben Stunden am Tag. Dazwischen ass er einen Gemüseteller und strampelte wieder weiter. So lange, bis er schliesslich nur noch eine halbe Portion Nuttli war (66 Kilo), dafür wieder ein ganzer Radrennfahrer. Nur wenig später stellte Nuttli im 24-Stunden-Rennen von Schötz mit zwei Kollegen einen Guinness-Book-Weltrekord auf. Und letzte Woche hätte er dann in Frankreich draussen auf Anhieb fast die Weltmeisterschaft im Zeitfahren gewonnen.

Entscheidend ist aber, dass Nuttli uns schwermütigen Schweizer Schwergewichten den Weg geebnet hat. Was nützen uns astrale Pseudovorbilder wie Martina Hingis? Was lernen wir aus den Elfmetertoren von Kubilay Türkyilmaz? Nur dank Jean Nuttli, dessen Name inskünftig im selben Atemzug mit Friedrich Ludwig Jahn, Jack Günthardt und Jane Fonda genannt sei, wissen wir nun: Es ist möglich! Fort mit Nutella, Leute, folgen wir Nuttli!

Richard Reich

Neue Zürcher Zeitung, Ressort Sport, 17. Oktober 2000, Nr.242, Seite 53

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Ausgefressen

ARSENICUM

 

Diäten und die Ätiologien adipositasbedingten Leidens sind ein gewichtiges Thema in unser aller Praxis. Sozusagen Unser täglich Knäcke-Brot, speziell jetzt zu Jahresbeginn, den während der Feiertage gönnen sich die meisten Zeitgenossen zuviel des Guten. Voller Neujahrsvorsätze gehen sie dann daran, den kalorischen Sündenfall wieder abzubüsen. Diese Saison ist ja auch ideal dafür, da sie keine kulinarische Fallen stellt. Weihnachtsgans, Silvesterchampagner, Neujahreslachs und Dreikönigskuchen sind vorbei und bevor die Schoggiosterhasen aufmarschieren, der Spargel mit Buttersosse verlockt, gefolgt von Erdbeeren mit Rahm, bleibt etwas Zeit zum Abnehmen. Während ich mich mit meinen PatientInnen über die Notwendigkeit des Abspeckens rede, ziehe ich selbst energisch den Bauch ein, den eine gewisse Tendenz zum gesundheitsgefährdeten Apfeltyp kaschiert mein schlankmachend geschnittener weisser Kittel nicht mehr ganz. Euphemistisch bezeichne ich das, was in Wirklichkeit Fasten, Hungern, Nahrungsentzug und Verbot aller Lieblingsspeisen und –getränke ist, als "Gewichtsreduktion" und "Entschlacken". Dreist lüge ich den Dicken vor, dass weniger mehr sei und wie gut und leicht sie sich mit weniger Kilos fühlen würden. Sie winden ihre molligen Beine verlegen um die Stuhlbeine, senken beschämt den Kopf, so dass ihr Doppelkinn zum Dreifachkinn wird und meinen die Botschaft zwischen den Zeilen zu hören: "Sie sind fett. Das macht krank und hässlich." Poetisch lasse ich niedrige Cholesterinwerte auf der Zunge zergehen, schwärme von blitzeblanken Koronararterien und tadellosem Stoffwechsel. Und vermeide jeglichen Augenkontakt, denn wie soll ich den schon jetzt hungrigen Blick des zwanzigjährigen Riegel-, Chips und Schoggifreaks, der dreissigjährigen Bier- und Brotexpertin, des vierzigjährigen Wein- und Wurstkenners, der fünfzigjährigen Dessertfreundin aushalten? Ich schlucke leer, wenn ich die grausame Diät-Details wie das Verbot von Pommes, Pasta und Patisserie in den Mund nehmen muss. Doch da zeigen die PatientInnen Biss, den auf diesem Gebiet sind sie die Connaisseurs. Schliesslich haben sie schon alles von Atkinsondiät bis Zwetschgensaftfasten durchlitten. Sie haben gemayrt, gefletschert, gepudelt, kennen die Königin-Beatrix Kost (mit Käse und Sherry) und die Prinzessin Diana-Diät (mit Krabben und Light-Champagner), haben nach Mayo und Holowood gefastet, Grapefruit-, Biottasaft- sowie Ahornsiruptage eingelegt Weight gewatscht. Anabelle, Brigitte und Betty Bossi liefern ihnen Rezepte, bei PreCon, MinVitin und Modifast kaufen sie Pulverchen. Der Somogy-Effekt ist den Diätveteranen genauso vertraut wie das Jo-Jo-Phänomen, ihren BMI und ihre Fett/Muskelratio haben sie im Kopf, genauso wie die Kilokalorienzahl von 100 Gramm Gurken und Gnocchi. Geduldig belehren sie mich, dass ketogene Diät völlig "out", aber low-carb jetzt "in" ist, dass nur noch Nostalgiker Trennkost essen und das führende Ernährungsberater wieder das Bircher-Benner Ideal der drei Mahlzeiten statt der lang propagierten fünf leichten Snacksempfehlen. Treu schinden sie sich jedes Jahr mit einer oder mehreren Diäten, verkneifen sich alles, was sie gerne haben – Süsses, Fettiges, Alkoholisches und Stärkehaltiges – und werden doch ihr Image der willenschwachen, gierigen Unästheten nicht los. Diese Ungerechtigkeit ist schwer zu verdauen, auch für den behandelnden Arzt. Ich wünsche meinen dicken PatientInnen daher, dass nicht nur Alkoholiker, sondern auch Zuvielesser anonym sein könnten... Aber leider ist Zudicksein offensichtlich. Übergewichtige können daher noch nicht einmal für ein couragiertes Outing Bewunderung einheimsen!

Aus "Ars Medici" 2000;89:112 mit freundlicher Genehmigung der Redaktion auch unter www.medpoint.ch/other/ars0200/112.pdf abberufbar.

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