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Ueber Essen, mit etwas
Abstand
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Addio
Fiorentina
cf.
Polizisten verdroschen haben wir keine, aber den
Aufstand im Kleinen, den haben wir, zwar keine echten
68er, doch immerhin im gleichen Jahr eingeschult, schon
geprobt. Zum Beispiel im Restaurant: Immer nur Entrecôte,
schleuderten wir unseren verdatterten Eltern am
vermeintlichen fleischlichen Monats-Highlight entgegen.
Auch wir 61er hatten schon früh unsere eigenen
Vorstellungen.
Aus
dem Aufmucken gegen Gabel und Messer wurde kein Kreuzzug
gegen Fleisch. Im Gegenteil, als Sportnovizen in engen
Badehöschen und mit vielversprechendem Jahrgang
verdienten wir uns unser tägliches Schnitzel in
nasskalten, der Spasskultur noch kategorisch abschwörenden
Bädern. Und samstags, vor dem «Schnellsten Zürifisch»
oder einem anderen epochalen Titelkampf, machten wir
erst ein halbes Rind und dann die ganzen Gegner platt.
Es war die gute alte Zeit, in der alles so einfach war.
Und man trotzdem alles falsch machte. Nicht, dass wir
nur falsch, weil ständig übersäuert, trainierten,
auch die Ernährung, die Kompensation allen Leidens, war
aus heutiger Sicht ein schlechter Witz. Hatte Urs
Zimmermann Mitte der achtziger Jahre mit der Einführung
des Müesli in den Giro di Pasta und die Tour de Flan
noch Kopf- und vor allem Magenschmerzen ausgelöst, so
futtert heutzutage praktisch jeder Ausdauersportler fast
ausschliesslich Kohlenhydrate. Oder sieht die Triathlon-
Olympiasiegerin Brigitte McMahon vielleicht aus, als ob
in ihrem schweizerisch-amerikanischen Haushalt Bratwurst
und Hamburger den Menuplan dominieren?
Umso
paradoxer klingt deshalb die Meldung von der Auflösung
des Linda-McCartney-Teams. Der Vegetarismus-Feldzug im
Radsport ist trotz günstigen Vorzeichen abrupt gestoppt
worden, der Beatle Paul McCartney offenbar nicht mehr zu
überreden gewesen, das Erbe seiner 1998 verstorbenen
Frau weiterzuführen. Wozu, mag sichSir Paul überlegt
haben, Millionen in eine Kampagne buttern, wenn der «Markt»
von alleinespielt? Denn Steaks rühren nicht nur die
wenigsten Sportler noch an, auch die restlichen
Konsumenten üben sich, wenn auch nicht ganz freiwillig
(BSE!), neuerdings im Verzicht. Auf die Gefahr hin, dass
sich die eine oder andere Träne mit dem Gemüse-Risotto
vermischt: «Die Entscheidung wurde um sechs Uhr gefällt»,
hält «La Repubblica» mit sicherem Gespür fürs
Melodrama den Moment fest, als die EU am Montag das
T-Bone- Steak auf den Ernährungsindex setzte und eine
Nation bis ins Mark traf.
Addio
Bistecca Fiorentina. Wir 61er haben's geahnt.
NZZ,
31.
Januar 2001
*
Sportplatz
Unsere
Hoffnung heisst Nuttli
Die erwachsene
Schweizer Bevölkerung lässt sich in drei Gruppen
aufteilen. Zur Ersten gehören die Menschen, die sich
naturgemäss am Morgen wägen. Zur zweiten Gruppe gehören
jene Leute, die es trotz schwer wiegendem Magen lieber
abends tun, während die dritte Fraktion ein paar
Exzentriker umfasst, die ihr Gewicht bloss jeden
Montag oder immer nur am Monatsersten oder überhaupt
nie feststellen. Und dann gibt es noch Nuttli. Sie
wissen schon: der Jean Nuttli.
Ich selber gehöre
zu den Normalos, also zu Typus 1. Jeden Morgen,
nachdem der Wecker zum Tagwerk gerufen hat, marschiere
ich auf die Toilette, um den Flüssigkeitshaushalt
meines Körpers auf ein Minimum zu reduzieren. Dann
geht's unter die Dusche, wo ich unter einem straffend
kalten Wasserstrahl im Geiste die gewichtsspezifischen
Faktoren bei der Nahrungsaufnahme des vorangegangenen
Tages addiere. Frühstück: solide (Bio-Müesli mit
Migros-Heidelbeeren). Mittag: betont defensiv
(Tomaten/Mozzarella). Abendessen: ideal (ungebundene Kürbissuppe,
Kamillentee). Fazit: Bis zu jenem Zeitpunkt wäre es
noch denkbar gewesen, dass ich es mit meinem heutigen
Morgen-Messwert unter die Top 50 meiner
Jahresbestenliste schaffe. Nur hat mich gestern, kurz
vor dem Zubettgehen, am Rande eines Fernsehkrimis dann
leider ein herber Rotwein-und-Willisauer-Ringli-Rückschlag
ereilt. Womit ich heute früh im günstigsten Fall auf
dem Niveau des Vortages abschliessen werde.
Betreten
steige ich aus der Duschkabine und drehe das Radio an.
(Ich habe es nicht gern, wenn man mir beim Wägen zuhört.)
Ich rubble mich bis auf den letzten Tropfen trocken,
lege den Bademantel weg, kicke gegen den Auslösemechanismus
meiner «Soehnle»-Präzisionswaage, setze Fuss um
Fuss auf die Tragfläche und weiss, obwohl momentan
auf dem Display noch harmlos zwei Nullen blinken, was
jetzt gleich kommen wird: acht, zwei, zwei. Manche
werden jetzt sagen, 82,2 seien rein gar nichts. Aber
82,2 sind genau zehn Kilo über dem von Boss und
Armani empfohlenen Männer-Model-Normalgewicht. Und ob
ich mir dick vorkomme, bestimme ich immer noch selber.
Auf DRS 1
läuft gerade die Sendung «Morgenstund hat Gold im
Mund», aber ich bin bereits stinksauer. «So kann es
nicht weitergehen, du fleischkäsiges Phlegma!»,
fauche ich meine unglückliche Visage im Spiegel an.
Und gelobe, während ich angewidert an meinem
Front-Airbag herumknete, sofortige Besserung. Natürlich
weiss ich, dass sich diese deprimierende Szene nicht
nur in diesem, sondern in Hunderttausenden von
Haushalten hierzulande allmorgendlich wiederholt. Weil
die grosse Mehrheit der Schweizer mit
Gewichtsproblemen kämpft, steigt der Souverän im
Morgengrauen nahezu kollektiv auf die Waage, voller
Hoffnung, dass die läuternde Nacht vielleicht ein
paar Kilos wegverdaut haben könnte. Was natürlich
nie der Fall ist. Weshalb wir dann den ganzen Tag so
dreinschauen, wie wir dreinschauen. Wir alle, ausser
Nuttli. Sie wissen schon: unser Jean Nuttli.
Jean Nuttli
ist - man konnte es dieser Tage in allen Zeitungen
lesen - der neue nationale Hoffnungsträger. Dieser
gelernte Karosserielackierer aus dem fernen Kriens war
einst ein braver Amateur-Radrennfahrer, ein ziemlich
viel versprechender sogar, wenn auch vielleicht ein
etwas pummeliger. Und Nuttlis Hang zum Pummeligen nahm
noch zu, als er eine Weile lang irgendwie keine rechte
Lust mehr aufs Velofahren hatte und sich statt dessen
fast nur noch beim Essen bewegte. Dementsprechend
musste Nuttli eines Morgens feststellen, dass ihm auf
der Waage die Ziffern eins, zwo und fünf
entgegenleuchteten. 125 Kilo auf nüchternen Magen!
Kein Wunder sagte sich auch Nuttli, was man sich halt
so sagt in in solchen Situationen: «So kann es nicht
weitergehen, Nuttli!»
Ganz im
Gegensatz zu uns gewöhnlich missmutigen Morgenwägern
sagte Nuttli das aber nicht nur, sondern er tat auch
etwas. Er setzte sich nämlich auf den
Velo-Hometrainer und strampelte volle vier Monate
lang! Immer an Ort und immer zwischen zwo und sieben
Stunden am Tag. Dazwischen ass er einen Gemüseteller
und strampelte wieder weiter. So lange, bis er
schliesslich nur noch eine halbe Portion Nuttli war
(66 Kilo), dafür wieder ein ganzer Radrennfahrer. Nur
wenig später stellte Nuttli im 24-Stunden-Rennen von
Schötz mit zwei Kollegen einen
Guinness-Book-Weltrekord auf. Und letzte Woche hätte
er dann in Frankreich draussen auf Anhieb fast die
Weltmeisterschaft im Zeitfahren gewonnen.
Entscheidend
ist aber, dass Nuttli uns schwermütigen Schweizer
Schwergewichten den Weg geebnet hat. Was nützen uns
astrale Pseudovorbilder wie Martina Hingis? Was lernen
wir aus den Elfmetertoren von Kubilay Türkyilmaz? Nur
dank Jean Nuttli, dessen Name inskünftig im selben
Atemzug mit Friedrich Ludwig Jahn, Jack Günthardt und
Jane Fonda genannt sei, wissen wir nun: Es ist möglich!
Fort mit Nutella, Leute, folgen wir Nuttli!
Richard Reich
Neue Zürcher Zeitung,
Ressort Sport, 17. Oktober 2000, Nr.242,
Seite 53
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Ausgefressen
ARSENICUM
Diäten und die Ätiologien
adipositasbedingten Leidens sind ein gewichtiges Thema
in unser aller Praxis. Sozusagen Unser täglich Knäcke-Brot,
speziell jetzt zu Jahresbeginn, den während der
Feiertage gönnen sich die meisten Zeitgenossen zuviel
des Guten. Voller Neujahrsvorsätze gehen sie dann
daran, den kalorischen Sündenfall wieder abzubüsen.
Diese Saison ist ja auch ideal dafür, da sie keine
kulinarische Fallen stellt. Weihnachtsgans,
Silvesterchampagner, Neujahreslachs und Dreikönigskuchen
sind vorbei und bevor die Schoggiosterhasen
aufmarschieren, der Spargel mit Buttersosse verlockt,
gefolgt von Erdbeeren mit Rahm, bleibt etwas Zeit zum
Abnehmen. Während ich mich mit meinen PatientInnen über
die Notwendigkeit des Abspeckens rede, ziehe ich selbst
energisch den Bauch ein, den eine gewisse Tendenz zum
gesundheitsgefährdeten Apfeltyp kaschiert mein
schlankmachend geschnittener weisser Kittel nicht mehr
ganz. Euphemistisch bezeichne ich das, was in
Wirklichkeit Fasten, Hungern, Nahrungsentzug und Verbot
aller Lieblingsspeisen und –getränke ist, als
"Gewichtsreduktion" und
"Entschlacken". Dreist lüge ich den Dicken
vor, dass weniger mehr sei und wie gut und leicht sie
sich mit weniger Kilos fühlen würden. Sie winden ihre
molligen Beine verlegen um die Stuhlbeine, senken beschämt
den Kopf, so dass ihr Doppelkinn zum Dreifachkinn wird
und meinen die Botschaft zwischen den Zeilen zu hören:
"Sie sind fett. Das macht krank und hässlich."
Poetisch lasse ich niedrige Cholesterinwerte auf der
Zunge zergehen, schwärme von blitzeblanken
Koronararterien und tadellosem Stoffwechsel. Und
vermeide jeglichen Augenkontakt, denn wie soll ich den
schon jetzt hungrigen Blick des zwanzigjährigen
Riegel-, Chips und Schoggifreaks, der dreissigjährigen
Bier- und Brotexpertin, des vierzigjährigen Wein- und
Wurstkenners, der fünfzigjährigen Dessertfreundin
aushalten? Ich schlucke leer, wenn ich die grausame Diät-Details
wie das Verbot von Pommes, Pasta und Patisserie in den
Mund nehmen muss. Doch da zeigen die PatientInnen Biss,
den auf diesem Gebiet sind sie die Connaisseurs.
Schliesslich haben sie schon alles von Atkinsondiät bis
Zwetschgensaftfasten durchlitten. Sie haben gemayrt,
gefletschert, gepudelt, kennen die Königin-Beatrix Kost
(mit Käse und Sherry) und die Prinzessin Diana-Diät
(mit Krabben und Light-Champagner), haben nach Mayo und
Holowood gefastet, Grapefruit-, Biottasaft- sowie
Ahornsiruptage eingelegt Weight gewatscht. Anabelle,
Brigitte und Betty Bossi liefern ihnen Rezepte, bei
PreCon, MinVitin und Modifast kaufen sie Pulverchen. Der
Somogy-Effekt ist den Diätveteranen genauso vertraut
wie das Jo-Jo-Phänomen, ihren BMI und ihre
Fett/Muskelratio haben sie im Kopf, genauso wie die
Kilokalorienzahl von 100 Gramm Gurken und Gnocchi.
Geduldig belehren sie mich, dass ketogene Diät völlig
"out", aber low-carb jetzt "in" ist,
dass nur noch Nostalgiker Trennkost essen und das führende
Ernährungsberater wieder das Bircher-Benner Ideal der
drei Mahlzeiten statt der lang propagierten fünf
leichten Snacksempfehlen. Treu schinden sie sich jedes
Jahr mit einer oder mehreren Diäten, verkneifen sich
alles, was sie gerne haben – Süsses, Fettiges,
Alkoholisches und Stärkehaltiges – und werden doch
ihr Image der willenschwachen, gierigen Unästheten
nicht los. Diese Ungerechtigkeit ist schwer zu verdauen,
auch für den behandelnden Arzt. Ich wünsche meinen
dicken PatientInnen daher, dass nicht nur Alkoholiker,
sondern auch Zuvielesser anonym sein könnten... Aber
leider ist Zudicksein offensichtlich. Übergewichtige können
daher noch nicht einmal für ein couragiertes Outing
Bewunderung einheimsen!
Aus "Ars Medici"
2000;89:112 mit freundlicher Genehmigung der Redaktion
auch unter www.medpoint.ch/other/ars0200/112.pdf
abberufbar.
Falls
Sie uns wieder besuchen möchten
(was uns unheimlich freuen würde)
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