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Rotation oder der
Sprung vom 3-m-Brett
Ich liebte sie so innig, wie man es
mit 16 Jahren nur kann, fürchtete aber, ihre Liebe zu verlieren,
weil ich mich im Sommer jenes Jahres nicht so anmutig, wie
mancher unserer Schulkollegen und viele andere Besucher der
Badeanstalt, vom 3-m-Sprungbrett Kopf voran ins Wasser stürzen
konnte. Eigentlich konnte ich es überhaupt nicht. Mehrmals bin
ich auf den Turm geklettert mit dem festen Entschluss, den "Köpfler"
zu wagen, es endete immer mit dem einfachen, schäbigen Sprung
auf die Beine. Dass wir nicht Händchen haltend unter der Linde
auf dem Bänkli vor dem Haus sitzend unseren Lebensabend
verbringen, lag aber nicht daran. Später liebte ich auch innig,
aber die Aufgaben, welche ich zu erfüllen glaubte, damit die
Liebe erhalten bleibt, waren einfacher.
Nach etlichen Jahren, nach dem der
Sohn das Schwimmen erlernte, folgte unvermeidlich die nächste
Stufe, der Sprung vom Startblock, den ich ihm problemlos zeigen
und beibringen konnte. Wie zu erwarten war, wollte er dann höher
hinaus, natürlich vom 3-m-Brett springen. Ich ging voran, wie es
sich gehört. Nach ein paar Tagen, als wir schon mehrmals
gesprungen waren, fragte er, ob ich auch den "Köpfler"
von 3 m Höhe könne. "Nichts leichter als das",
antwortete ich, kletterte bedächtig auf das Brett, stürzte mich
Kopf voran runter, ohne Schaden zu nehmen, stieg triumphierend
aus dem Wasser und erklärte ihm, wozu er mich gebracht hatte.
Nachdem ich Jahre später monatelang unter einem
Bandscheibenschaden an der Halswirbelsäule litt und froh war,
wenigstens auf dem Rücken schwimmen zu können, dachte ich, mit
dem "Köpfler", schon nur vom Schwimmbeckenrand aus,
ist es bei mir für immer "Schluss-Fidibus".
Es verfloss wieder viel Wasser in der
Sitter. Die Enkelin war sehr stolz, dass sie schon, vorläufig
nur mit den "Flügeli" an den Armen schwimmen konnte.
Ihrem Wunsch entsprechend, zeigte ich ihr bereits den "Köpfler".
Klar, sie konnte mir mit den Flügeln noch nicht folgen. Wir
mieden Badeanstalten mit einem 3-m-Brett, aber es gibt in jeder,
die etwas auf sich hält
und kinderfreundlich gelten will, eine Säule mit Ketten. Die
Kinder, und man sieht aus unbegreiflichen Gründen nur Kinder
diesem Vergnügen frönen, hängen sich mit den Händen an den an
einer Kette befestigten Bügel, stiessen sich mit den Beinen ab
und zu vom Boden ab und fliegen im Kreis herum. Je schneller,
desto grösser ist der Spass. Im Land, in dem ich aufgewachsen
bin, ist dieses Spiel unbekannt. Als es die Enkelin einmal
probierte, landete sie auf den Knien. Die schmerzhaften
Schürfungen schreckten sie jedoch nicht ganz ab, sie schaute
immer wieder bewundernd und sehnsüchtig den Herumwirbelnden zu.
Sie sagte nichts, aber man merkte, sie möchte es wieder
versuchen. Ich würde sicher vorsichtiger, rücksichtsvoller
angeben und mitfliegen als die Kinder.

Eines Morgens begab ich mich in die
Badi, früh genug, um möglichst ohne Zuschauer zu trainieren,
aber ich fand die Ketten noch verschlossen und an die Säule
gebunden. Ein anderes Mal versuchte ich es gegen Abend, wartete
bis die Kinder den Platz verlassen hatten, hing mich an einen
Bügel, sprang, gab an und flog um die Säule herum. Es gelang
mir immer leichter, schneller, besser, entspannter. Jetzt zeigten
plötzlich auch Halbwüchsige und Erwachsene Interesse am
Ringelspiel. Aber anstatt zu kommen und mit zu drehen und mit zu
fliegen, beobachteten sie nur aus sicherer Entfernung meine
Übungen. Manche erdreisteten sich sogar und riefen etwas in
meine Richtung. Macht nichts, Hauptsache, die Enkelin kann jetzt
ruhig zu uns in die Ferien kommen. Ich ahne, bei der guten
Tochter unseres Sohnes kommt unvermeidlich einmal die Zeit, wenn
ich mich wieder Kopf voran vom 3-m-Brett ins Wasser werfen muss.
Die Bandscheibe ist doch verheilt.
Das Leben ist, frei nach
Schoppenhauer, eine Spiralbewegung. Mit der Zeit drehen wir uns
immer schneller in immer kleineren Kreisen, wie die Nadel auf
einer Schellackplatte. Wie oft werde ich noch ins Wasser, ob mit
dem Kopf oder mit den Beinen voran springen (können)?
Falls
Sie uns wieder besuchen möchten
(was uns unheimlich freuen würde)
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