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(spg) Patty Schnyder war als
Titelhalterin von Hannover in ihrem ersten Spiel nicht auf der
Höhe, weder physisch noch mental. Wie in Melbourne war ihr
erster Turnierauftritt zugleich der letzte. Angesichts der
privaten Probleme der letzten Wochen und des unsäglich
Medienrummels in Niedersachsen darf dies nicht überraschen.
Ruhe wird indes erst dann einkehren, wenn bald wieder bessere
Resultate folgen. Fachleute bezweifeln, dass dem so sein wird,
unter anderem auch wegen der umgestellten Ernährung.
Im Zuge ihrer bedingungslosen
Zusammenarbeit mit Ernährungs- und Fitnessbetreuer Rainer
Harnecker hat Schnyder auch ihre Essgewohnheiten radikal geändert.
Die 20jährige, die in Australien innert kurzer Zeit drei bis
vier Kilo verloren hat und sich nach eigenen Aussagen so gut
wie noch nie fühlt, beginnt jetzt jeden Tag mit dem Genuss
von Früchten, trinkt täglich zwei Liter selbst- und
frischgepressten Orangensaft und verzichtet auf tierische
Produkte. Milch, Eier und Fleisch fehlen somit weitgehend auf
dem Menuplan, Schnyder ist auf dem Weg, eine sogenannte
Veganerin zu werden.
Für Christof Mannhart, Ernährungswissenschafter
an der Eidgenössischen Sportschule in Magglingen, birgt diese
Art der Ernährung für eine Spitzensportlerin grosse
Gefahren. Obwohl seiner Ansicht nach anfänglich aus
psychischen Gründen durchaus positive Effekte zu erzielen
sind, könne die Rechnung spätestens nach einigen Wochen aus
Gründen einer optimalen Energiebereitstellung nicht mehr
aufgehen. Nach harten Trainings oder langen Wettkämpfen sei
eine ausreichend schnelle Regeneration nicht gewährleistet.
Mittel- bis langfristig, meint Mannhart, würden neben starken
Verlusten von Muskelmassen auch die Eisen-, Kreatin-,
Karnitin- und Zinkstoffwechsel in Mitleidenschaft gezogen,
ebenso könne ein Mangel an Vitamin B12 auftreten. «Dass es
dann besonders bei grossen Belastungen zu einem gravierenden
Leistungsabfall kommt, ist im Prinzip unvermeidlich.»
Zu den Schweizer Athleten, die eine
radikale Ernährungsumstellung teuer bezahlt haben, zählen
der frühere Radprofi Urs Zimmermann und der sechsfache
Zehnkampfmeister Beat Gähwiler, der auch international
gute Leistungen erzielte (EM-7., WM-11., Olympia-12.). Gähwiler
erinnert sich an seine Krise zurück. Er habe damals extrem
umgestellt und sei in ein Loch gefallen. Der 34jährige hatte
im Jahr 1992 auf vegetarische Ernährung umgestellt, seiner
Meinung nach liegt darin aber noch ein gewaltiger Unterschied
zur veganischen Nahrungsaufnahme: «Fleischlos zu leben ist
kein Problem, wenn man die Ernährung mit Zusätzen ergänzt,
um Mangelerscheinungen vorzubeugen. Ohne Eiweisse von Tieren
kann es aber im Spitzensport höchstens im Ausdauerbereich
funktionieren, nicht aber, wo primär Schnelligkeit und
Schnellkraft gefordert sind.»
Erschwerend kommt hinzu, dass im Tennis die
Saison rund elf Monate dauert, in denen permanent Höchstleistungen
gefordert sind, ein gezielter Aufbau während des Jahres im
Gegensatz zu anderen Sportarten also kaum möglich ist. Gähwiler
ist sogar überzeugt, dass Schnyder zwar punkto körperlichem
Wohlbefinden und Ausdauer Fortschritte machen, in den anderen
zentralen Bereichen aber rapid abbauen wird: «Sie wird zwar länger
durchhalten, auf dem Platz aber langsamer reagieren und bei
Schnelligkeit und Schnellkraft viel einbüssen.» Zu den
physischen kommen technische Probleme hinzu. Wenn eine
Athletin Gewicht verliert, tangiert dies die Stabilität ihres
Körpers im Moment, in dem sie mit dem Schläger den Ball
trifft und beschleunigt.
Auch die Langzeitprognosen sind düster. In
zwei bis drei Jahren, prophezeit Mannhart, könnten sich die
Probleme dann nicht mehr nur auf die spielerische Leistung
auswirken. Als mögliche Folgen bezeichnet er ein geschwächtes
Immunsystem, stärkere Anfälligkeit auf Viruserkrankungen,
erhöhte Anfälligkeit auf Übertraining, verbunden mit
physischen wie auch psychischen Erschöpfungszuständen,
gesteigerte Probleme mit dem Menstruationszyklus und damit mögliche
Knochenstoffwechselstörungen. Eine einseitige Ernährung über
längere Zeit sei fatal und könne die Karriere stark gefährden,
sagt Mannhart.
Die Entwicklung wird auch von Vito Gugolz,
dem neuen Coach Patty Schnyders, kritisch verfolgt. Gugolz,
der die Testphase mit der Baslerin vorerst einmal bis zum
Turnier von Indian Wells verlängert hat, macht sich Gedanken
und spricht von einer Analysierung möglicher Folgen. Gugolz
hat als Turn- und Sportlehrer durchaus die Kompetenz, sich in
diesen Dingen ein Urteil zu bilden, ist beim derzeitigen Stand
der Dinge aber gut beraten, nicht radikal einzugreifen. «Ich
glaube nicht, dass man es sich im Spitzensport leisten kann,
nach derart extremen Mustern zu leben.»

Der Leserbrief dazu:
"Es ist verdienstvoll, wenn die
Sportredaktion der "NZZ" den "Fall Patty
Schnyder" für seriöse Gedanken und Überlegungen über
die gesunde Ernährung im allgemeinen und der Sportler im
besonderen, nützt. Die Ernährung der Sportler ist auch aus
Konkurrenzgründen mit Geheimnissen umhüllt. Man hört nur,
dass sie sich besonders ernähren, Lendl und viele andere
seien z.B. Vegetarier, die Velofahrer verspeisen kiloweise
Spaghetti und die Bodybildner Unmenge von Steaks, usw.
Zu den im oben genannten Artikel geäusserten
Ansichten erlaube ich mir folgendes zu bemerken:
Die Ernährung ist für die Sportler, ähnlich
wie bei Zuckerkranken, sehr wichtig. Beide Gruppen reagieren
auf diesbezügliche Fehler sehr empfindlich. Die Zuckerkranken
mit der Erhöhung des Blutzuckers, die Sportler mit der
Einbusse von Leistung, gemeinsam mit gesundheitlichen
Problemen. Ihre Ernährung soll den Bedürfnissen entsprechen,
ausgewogen und abwechslungsreich sein. Es gibt
keine Anhaltspunkte, dass eine gut durchdachte, bilanzierte,
wie Ch. Mannhart ausführte, bei Sportlern eventuell durch
Zutaten ergänzte, veganische Ernährungsweise, nicht möglich
wäre. Sie kann sogar, wie wir sehen werden, Vorteile haben.
Mit Kombinationen verschiedener pflanzlicher Quellen, wie z.B.
Mais und Bohnen, Kartoffeln und Maroni, Getreide und Nüsse,
bekommt man auch ohne Fleisch, Eier und Milchprodukte genug
hochwertiges Eiweiss. Umgekehrt, man läuft nicht die
Gefahr, zu viel Eiweiss und Fett zu
sich zu nehmen. Der Überfluss an Eiweiss belastet unnötig
den Stoffwechsel. Die Quellen des tierischen Eiweisses
(Fleisch, Käse) wird reichlich gesalzen
und damit ist eine Wasseransammlung verbunden, die den
Kreislauf belastet und das Gewicht erhöht. (Zu viel) Fett
(Fleisch, Käse) wird direkt in Fettreserven umgelagert und
wiederum erhöht auch das Gewicht. Abgesehen vom Sumo-Ringer,
dessen Kämpfe selten 1-2 Minuten übersteigen, bemühen sich
vor allem Ausdauersportler jedes überflüssige Gram ihres
Gewichtes abzubauen, da dieses während
Stunden mitzuschleppen unnötige Energie kostet. Tennis,
von Patty Schyder ausgeübt, ist eine Mischung aus Kraft- und
Ausdauersport. Ihre schnelle Gewichtsabnahme (wie schnell war
sie eigentlich?) ist bedenklich und sollte eine Warnung an
verschiedene Experten sein, die Übergewichtigen noch mehr als
4 kg Gewichtsabnahme pro Monat zumuten wollen. Eine
Mehrstunden pro Tag trainierende Sportlerin sollte schnell
ihren Bewegungsablauf dem tieferen Körpergewicht anpassen können.
Sie tut es, zu Ihrem Vorteil, wie uns das Beispiel von L.
Davenport lehrt. Ähnlich wie hochwertiges Eiweiss, kann man
auch genug Zink, Eisen, sogar auch VitaminB12 (Algenprodukte
u.a.) aus pflanzlicher Kost
bekommen. Kreatin erhöht das Gewicht und wird aus
obengenannten Gründen von vielen Ausdauersportlern, z. B.
schon von Slalomfahrern, abgelehnt. Es bleibt von den von
Herrn Mannhart erwähnten Stoffen nur das Karnitin, das bei
der Fettverbrennung nötig ist und bei vermehrtem Bedarf zusätzlich
eingenommen werden kann.
Herrn Mannhart kann man zustimmen, dass täglich
2 Liter Orangensaft, ob frisch und selbstgepresst, oder nicht,
schädlich ist. Dies trifft aber bei allem zu, wenn täglich
dieselben Lebensmittel verzehrt werden, sei es Banane, Kiwi,
Kartoffel, Getreidemüsli, Spaghetti, Reis, Steak, Ei, Milch,
Joghurt, Käse oder Isostar, usw. Es führt nicht nur zu
Leistungseinbussen, früherer Erschöpfung und vermehrter Müdigkeit,
sondern auch zu verschiedenen
Gesundheitsproblemen (unter denen Hochleistungssportler
auch deswegen oft leiden). Abwechslung, sogenannte Rotation
mit Lebensmitteln, ist nicht nur bei Sportlern und
Kranken, sondern bei uns allen angesagt!
Noch zum "Fall Patty Schnyder": es
ist für sie wichtig, ob mit oder ohne Fleisch, Eier,
Milchprodukten, ihren Kampf um selbständiges Denken und
selbständiges Leben zu gewinnen, auch wenn sie dabei ein paar
Tenisspiele verliert. Solche Auseinandersetzungen werden nicht
selten über die Ernährung ausgetragen."
Mehr über Sport und Ernährung s. "Säure-Basen-Haushalt,
Übersäuerung, ihre Folgen und was dagegen zu tun ist",
"Die Ernährung
der Sportler mit Abstand (und Witz) betrachtet" und "Ernährung
und Immunologie der Bewegung oder Sport und die
Infektionsabwehr". |