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Letzte redaktionelle Änderung
13.10.2002
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Weniger
essen, mehr leisten?
Essstörungen
- ein bekanntes Krankheitsbild im Spitzensport.
An der diesjährigen (2000) Tagung der
Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie
haben Praktiker und Wissenschafter über den Umgang mit
Essstörungen im Hochleistungssport referiert. Der ehemalige
Skispringer Stefan Zünd hat nebst anderen geschildert, wie er
als Spitzenathlet der neunziger Jahre dem Drangerlegen ist, der
besseren Leistung wegen zu hungern, und dafür seine
Gesundheit aufs Spiel setzte.
Dazu neu: "Magersucht:
Der Hungertod des Gold-Ruderers Bahne Rabe" (Der Spiegel,
Nr. 45 vom 5. 11. 2001, S. 184-92).

jam. Bern, NZZ, 22. Oktober 2000
Der Hochleistungssport entspricht in so mancher
Hinsicht einer Gratwanderung. Um Erfolg zu haben, wird vieles
ausprobiert, auch wenn dies der eigenen Gesundheit längst
nicht immer zuträglich ist. Dessen ist man sich unter anderem
seit der verstärkten Dopingdiskussion bewusster geworden. Ein
anderer, quasi systemimmanenter Bestandteil des Spitzensports sind
Essstörungen, deren extreme Ausprägungen Magersucht und
Bulimie sind. Und diesem Krankheitsbild, das in vielen Sportarten
zur Ausprägung gelangt, aber oft zu spät
erkannt und thematisiert wird, hat die
Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für
Sportpsychologie ihre diesjährige
Jahrestagung in der Bundesstadt gewidmet.
Der Erfolg führt oft übers Gewicht.
Fünf Referenten aus Wissenschaft und Praxis
trugen zum Gelingen der Fachtagung bei, den
Anfang machte der frühere Skispringer
Stefan Zünd, der dem Publikum einen höchst
interessanten Einblick in ein Umfeld gewährte, in
welchem Essstörungen signifikant stärker
auftreten als in anderen Sportarten. Der
sportliche Erfolg im Skispringen, Ringen,
Judo, Mittel- und Langstreckenlauf, Kunstturnen,
Eiskunstlauf und in der rhythmischen Gymnastik
hängt nämlich vielfach davon ab, ob das eigene
Körpergewicht unter Kontrolle gebracht
beziehungsweise so tief wie möglich
gehalten werden kann.
Stefan Zünd, der 1996 vom nordischen Skisport
zurücktrat, wies unmissverständlich darauf
hin, dass ein leichter Skispringer nun mal
weiter fliegen könne. Dies habe er im Laufe seiner Karriere -
Zünd schaffte vier Weltcup-Siege - am
eigenen Körper erfahren. Walter Steiner
hatte ihn 1986 darauf hingewiesen, dass die Ernährung
im Spitzensport eine wichtige Rolle spiele; damals
sei es allerdings noch mehr darum gegangen, das Richtige
und nicht primär wenig zu essen, erinnert sich Zünd.
Nach der Rekrutenschule habe sein Verhältnis zum Essen
dann aber eine entscheidende Wende genommen, galt es
doch, eine Gewichtszunahme von immerhin drei Kilogramm
wettzumachen. Wieder bei 65 Kilogramm angelangt,
sei ihm dann bewusst geworden, dass nochweniger
Gewicht mit einer noch besseren Leistung einhergehe,
sagte Stefan Zünd, der in der Folge mit Wissen
der Trainer mit einer eigentlichen Abmagerungskur begann.
Zwei bis drei Kilogramm weniger waren schnell einmal
Realität; schon zu diesem Zeitpunkt beschlichen ihn
zwar ab und zu Hungergefühle, von den später
einsetzenden Essanfällen konnte aber noch nicht
die Rede sein. Zünd strich sämtliche
Süssigkeiten von seinem Ernährungsplan,
später auch noch das Brot und lebte eine Zeit
lang gewissermassen von Mineralwasser. Zusammenbruch
ist vorbestimmt. Die weiteren Symptome sind
geradezu typisch für Essstörungen:
täglich zweimal auf die Waage stehen, den anderen
Athleten in der Klosterschule Einsiedeln skeptisch
in den Teller schauen, fehlende Trainingsmotivation,
allgemeine Unlust auf alles - ausser eben aufs
Essen. Noch im Oktober wurde im gewohnten
Rahmen auf die bevorstehende Saison hin trainiert,
der Zusammenbruch, der schliesslich im Dezember
1992 erfolgte, zeichnete sich allerdings bereits
zu diesem Zeitpunkt ab. Mit seinem damaligen Gewicht
hätte er zwar sehr gute Resultate erzielen können,
nur die in der Zwischenzeit mangelhafte Kondition
und die schwächliche Muskulatur hätten diese mit
Sicherheit nicht mehr zugelassen, mutmasst Zünd, der
nach seinem physischen und psychischen Zusammenbruch ein
Jahr brauchte, um sich einigermassen wieder aufzufangen.
Die an der Psychiatrischen Poliklinik in Bern
arbeitende Ärztin Bettina Isenschmid
steuerte anschliessend zusätzliches
Material zur Problematik bei, indem sie von ihren
Erfahrungen mit den jährlich 350 Jugendlichen
berichtete, die mit Anzeichen von Essstörungen
zu einer ersten Konsultation erscheinen. Auch
wenn 90% aller Betroffenen nach wie vor
weiblichen Geschlechts seien, würden ihr
immer mehr auch junge Männer mit entsprechenden
Symptomen auffallen, sagte sie. Rund 50% der
Patienten seien irgendwie in einem sportlichen Umfeld
anzusiedeln, 10% seien Spitzensportler, wobei sich
diese in der Regel erst meldeten, wenn ein markanter
Leistungsabfall zu verzeichnen sei.
Kein einheitliches Lösungsmodell.
Sportarten, in denen Essstörungen auffällig
oft vorkommen, sind Ringen, Judo und Rudern
sowie Tanzen, Kunstturnen und Mittel- und
Langstreckenlauf - alles Disziplinen also, in
welchen das Körpergewicht leistungsbestimmend
ist. Bettina Isenschmid fragte gewissermassen
rhetorisch ins Publikum, ob der Sport denn immer
die alleinige Ursache von Essstörungen sei?
Mitnichten, wie auch die Erkenntnisse der
Psychotherapeutin Gerda Mastronardi zeigten. Bei besagter
Krankheit gebe es auch kein einheitliches Lösungsmodell,
und vielfach seien die tieferen Gründe,
die letztlich zum Ausbruch einer Essstörung führen,
selbst im Fall von Hochleistungssportlern im familiären
Umfeld zu suchen, sagte Mastronardi. Eine abschätzige
Bemerkung im falschen Moment, die allenfalls gar
nicht so gemeint ist, genügt in manchen Fällen
(allerdings nicht nur im Sport) als Auslöser.
Interessant dann die abschliessende Aussage von
Stefan Zünd auf die Frage, in welchem
Rahmen er sich von Trainerseite her mehr Hilfe
gewünscht hätte. «Nach dem Zusammenbruch
vielleicht, aber sicher nicht während der Akutphase.»
Das Infragestellen seiner Essgewohnheiten zum
damaligen Zeitpunkt hätte er als Misstrauensvotum des
Trainers aufgefasst, meinte Zünd, der damit
klarstellte, dass die ganze Sache weit diffiziler
ist, als sie vielleicht erscheint. Der
Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie
ging es letztlich weniger darum, Lösungsansätze
aufzuzeigen, als vielmehr darum, zu sensibilisieren
und den Trainern Hinweise zu liefern, die
letztlich auf eine Essstörung schliessen lassen - dies
ist ihr auch gelungen.
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