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LESERBRIEFE Schweiz
Med Forum 2008;8(45):877–881
Bitte das Kind nicht
mit dem Bade(-wasser) ausschütten!
Leserbrief zu: Streuli
RA. Ferrum bonum et laudabile (lucrosumque).1
Dem erfrischend offenen,
polemischen Editorial kann ich in mancher Hinsicht
beipflichten, in gewissen
Punkten muss ich ihm aber auch widersprechen. Die «Adelung»
der Praxen in Zentren ist megalomanisch
und lächerlich, folgt aber dem Trend und dem Beispiel
von Kliniken und Spitälern, denen auch keine
Abteilungen mehr gut genug sind. Auch ich begreife
nicht, warum die Patientinnen und ihre Ärztinnen* (!)
für eine Therapie, welche jede allgemeinmedizinische
und allgemeininternistische Praxis durchzuführen
fähig sein sollte, zusätzlich zahlen
müssen. Dieses Vorgehen ist verwerflich.
Was macht man in den «Eisenzentren»
und anderswo mit den Infusionen von grösseren
Eisenmengen?
Sie erhöhen das Eisen im
Körper kurz- und mittelfristig über die «gesunden»
Grenzen hinaus.
Manche warten dann, bis
die Patientinnen wieder unter Mangel leiden. Wie ich
erfahren habe, infundiert
man nicht selten bereits
dann, wenn die Ferritinwerte sich noch über 100 mcg/L
befinden.
Das Eisen ist aus guten
Gründen «in unserem Körper ein knappes Gut», da
seine Überladung
schädlich ist. Ich habe deswegen Hemmungen, wenn es nötig
ist, eine «schäbige» Venofer-Ampulle ab
und zu, in nach
Ferritinwerten bestimmten Abständen langsam, während
5–10 Minuten, zu injizieren.
Warum tue ich es doch?
Oder vom Wasser zum Kind, von der Verpackung zum Inhalt.
Es stimmt, dass
Eisenmangel nicht nur eine Anämie verursacht, und auch
eine Eisenmangelanämie,
wenn sie nicht durch eine
starke Blutung verursacht wird, tritt nicht plötzlich
auf. Sowohl ihre Sym -
ptome können sich lange
vor ihrem Beginn manifestieren wie auch viele andere des
Eisenmangels,
welche Sie aufzählten,
wozu ich auch noch Fibromyalgie hinzufügen möchte. Ich
hatte auch vereinzelt
Patientinnen mit Wadenkrämpfen,
trockenem Husten, Asthma, Juckreiz mit oder ohne Ausschläge,
bei denen nach der
Substitution die Beschwerden langfristig verschwanden
und bei wiederholtem
Mangel wieder eintraten
(Die Patientinnen folgen trotz Erklärungen leider nicht
immer meinen
Ratschlägen und kommen
ohne Beschwerden nicht zu Kontrollen). Sicher nicht alle
diese
Beschwerden werden nur
durch Eisenmangel verursacht, aber wenn er vorhanden
ist, beteiligt er sich
an der Entstehung der
Symptome. Wenn man den Mangel nicht behebt, können auch
andere
therapeutische Bemühungen
nicht gut greifen.
Die bisherigen
Normgrenzen des Ferritins sind statistisch festgelegt:
Man nahm eine genügende Anzahl
«normaler», (scheinbar)
gesunder Menschen und bestimmte bei ihnen das Ferritin.
Alle Werte
ausserhalb der zwei
Standardabweichungen sind definitionsgemäss entweder zu
tief oder zu hoch.
Wir betonen jedoch immer
wieder, dass wir nicht Laborwerte behandeln sollen. Es
ist auch klar, dass
die Grenzen, bei einer
Substanz mit so vielseitigen Beziehungen und Wirkung wie
Eisen, individuell
sind. Ich möchte in
diesem Zusammenhang auf die anschauliche Analogie
zwischen Harnsäurewerten
und Gicht hinweisen.
Oberhalb einer natürlichen Grenze (physikalische Löslichkeit
in
Körperflüssigkeiten) kann
zwar die Harnsäure ausfallen.
Es gibt aber sowohl Patienten mit tieferen
Werten, die an Gicht
leiden, wie mit wesentlich höheren, die symptomfrei
bleiben (reine
Hyperurikämie). Dazu befällt
die Gicht nicht immer dieselben Gelenke, was wir auch
noch nicht ganz
gut verstehen. Aus guten
Gründen erfolgt zurzeit die Korrektur der unteren statistischen
Normgrenzen
nach oben entsprechend
den Symptomen nicht nur bei Ferritin, sondern, z.B. auch
bei den Vitaminen
B12 und D. Bei Ferritin
halte ich mich, gemäss Literatur und eigener Erfahrung
mit vielen Patientinnen,
an den optimalen
Zielbereich von 50 bis 80 mcg/L.
Bei nachgewiesenem
Mangel, wenn die Beschwerden nicht sehr stark sind,
versuche ich zuerst oral zu
substituieren. Wegen des
«Eisenblocks der Darmschleimhaut» und da Eisen die
Resorption anderer
Metalle (Zink usw.)
beeinträchtigt, verordne ich das Eisenpräparat sicher
nicht dreimal pro Tag. Damit
vermindere ich zumindest
die Häufigkeit der intravenösen Applikation. Viele
Patientinnen ertragen
aber die oralen Präparate nicht, auch
nicht die tiefen Dosierungen der Kindereisentropfen. Es
ist kein
wissenschaftliches,
sondern ein ärztliches Vorgehen, wenn ich mit
der intravenösen Therapie nicht
warte, bis sie in
Doppeltblindstudien bestätigt wird. Übrigens, es gibt
genug Literatur, welche sie stützt.
Auch in den
Industrienationen entsteht Eisenmangel nämlich nicht «fast
immer durch offenkundigen
oder okkulten
Eisenverlust», sondern der häufigste Grund ist die
schlechte Resorption des Eisens
(Denken wir an die vielen
«Skopien», die keine Blutungsquelle zeigen). Die
Eisenresorption ist ein
sehr empfindlicher,
komplizierter Vorgang, der eben die Überladung
verhindern sollte. Nicht nur das
saure Milieu des Magens
ist dazu notwendig (atrophische Gastritis durch
Helicobacter, autoimmun,
Protonenpumpenhemmer!),
sondern auch eine intakte Darmschleimhaut. Ausser durch
Zöliakie kann
sie auch durch andere
Nahrungsmittelunverträglichkeiten (Colon irritabile)
geschädigt werden, selbst
dann, wenn man noch keine
Zottenatrophie findet.
Den Blutverlust sollte
man, wie Sie es empfehlen, unbedingt ausschliessen, möglichst
behandeln und
auch später an ihn
denken. Ich empfehle auch deswegen meinen Patientinnen
regelmässige dauerhafte
Einnahme der oralen Präparate
und/oder Injektionen. Dann kontrolliere ich immer wieder
(alle
ein bis zwei Jahre) den
Ferritinspiegel, um die Dosierung neuen Gegebenheiten
anzupassen. Damit
entdecke ich einen neuen
Grund für den Eisenverlust, noch bevor seine klinischen
Symptome eintreten.
Ja, Eisen (ist) gut und löblich
(«Ferrum bonum et laudabile»), intravenös
verabreichen sollen wir es
nur wenn nötig und so
wenig wie möglich, (und zwar) in den Arztpraxen,
ohne zusätzliche Kosten,
langfristig und mit
regelmässigen Kontrollen.
* Einfachheitshalber benütze
ich nur das weibliche Geschlecht, da es sich noch dazu
mehrheitlich um
Patientinnen handelt.
Dr. med. Peter Marko
Heinestrasse 26
CH-9008 St. Gallen
peter.j.marko@hin.ch
1 Swiss Med Forum.
2008;8(32):563.
Falls
Sie uns wieder besuchen möchten
(was uns unheimlich freuen würde)
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