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Haarschneiden
S t r e i f l i c h t
H O R I Z O N T E
Wenn wir uns gesund
wähnen, was eigentlich unbedacht und im Grunde genommen
leichtsinnig ist, weil wir nie wissen können, was in uns
schlummert und wann es ausbricht, ist eine gute Coiffeuse
wichtiger als eine Ärztin. Die Frisur muss (zu einem) passen wie
ein Kleid. Es gibt Menschen, die behaupten, dass man aus ihr mehr
erfahren, ablesen kann als aus den Sternen. Aus nicht ganz klaren
Gründen wechseln wir, meine Frau und ich, immer wieder unsere
Wohnorte. Anscheinend ist das Leben für uns zu kurz, um es nur
an einem Ort zu verbringen. Nach dem jeweiligen Umzug muss ich
mühsam suchen, wer mir die Haare wieder zu meiner Zufriedenheit
schneiden kann.
Als einen geraden,
vielleicht etwas sturen Menschen schrecken mich von vornherein
Geschäfte ab, die sich als Hairstylist/in, Hairdressing,
Hairsolution, Haircenter ausgeben, wie ich auch verschiedenen
Gesundheitszentren misstraue und lieber in eine einfache,
schlichte, altmodische Arztpraxis gehe. Es stösst mich ab, wenn
mir, anstatt schnell unter die Schere zu kommen, ein Kaffee
angeboten wird. Dafür gehe ich in ein Café oder ein Restaurant,
wenn ich mir schon einen nach meinem Geschmack nicht selbst
braue. So habe ich auch verschiedene Beilagen in den Zeitungen
nicht gern. Wenn ich eine Zeitung kaufe, will ich nicht eine
Zeitschrift lesen und umgekehrt. Alles muss seinen Sinn und
Zweck, seine Ordnung haben.
Am letzten Wohnsitz war ich
mit meinem Coiffeur äusserst zufrieden. So, dass ich nach dem
Umzug noch weiter über 20 km zu ihm fuhr.
Nicht nur verpasste er meinem Kopf für nicht viel Geld die
gewünschte Form, sondern er arbeitete ausschliesslich am Abend,
weil er mit diesem Nebenverdienst Alimente bezahlen und seinen
Kindern eine angemessene Ausbildung ermöglichen wollte. Das
passte vielen Kunden, die nach der Arbeitszeit und einem guten
Nachtessen hier einkehren konnten. Wenn wir uns nicht über
Sport- und andere Dorfneuigkeiten oder sein Befinden unterhielten
(damit ersparte er sich jeweils eine Konsultation), konnte ich
seine reiche Sammlung von «Pornoheftchen» durchblättern. Sie
lagen selbstverständlich und natürlich auf dem Tisch wie die
«Schweizer Illustrierte » in unserem Wartezimmer. Wenn man
seine Arbeit verfolgen wollte, blickte man in den von
Nackedeien umrahmten Spiegel, die ihm gute Freunde und Kunden von
ihren Reisen statt den üblichen Ortsansichten schickten.
Unnötig zu sagen, dass er ein auf Männerschnitt spezialisierter
Coiffeur und fast immer ausgebucht war.Trotzdem musste man bei
ihm nie lange warten. Es lief bei ihm alles recht, wie an einer
Schnur.

Ob wegen meines «grünen»
Gewissens, der durch die Fahrt verlorenen Zeit oder der Ansicht,
dass ich mich erst richtig am neuen Ort einlebe, wenn ich dort
auch einen Coiffeur finde, wechselte ich zur nächsten Coiffeuse
um die Ecke. Sie hatte immer einen freien Termin, dafür musste
man manchmal fast eine Stunde warten. Wenn endlich ein Stuhl frei
war, band mir zuerst eine Lehrtochter ein Tuch um den Hals, und
ich wartete weiter, bis die Chefin bei anderen Kunden oder
Kundinnen mit ihrer Aufgabe fertig war, man nicht betäubt und
nahm das Geschehen scharf wahr. Einmal wagte ich schüchtern
anzudeuten, dass bei mir die Lehrtochter ruhig die ganze Arbeit
verrichten könne, was schlicht überhört wurde. Während der
kurzen Abschnitte, die sie bei einem verbrachte, fragte und
sprach die Chefin ununterbrochen. Als ich versuchte, in der
mitgebrachten Zeitung zu lesen, spürte ich ihren Unwillen, was
für ein unfreundlicher und unhöflicher Sonderling da sitzt.
Beim Zahlen fragte eine der Lehrtöchter jeweils die Chefin
(nicht mich), wieviel sie
verrechnen solle, und obwohl die Länge meiner Haare von Fall zum
Fall kaum um 2–3 mm änderte und die Frisur gleich blieb,
wechselte die Grösse der Rechnung hin und her. Das schlimmste
war, dass die Lehrtochter jedesmal auch meine Augenbrauen
zurechtzuschneiden versuchte. Ich verstand nicht, warum sie mit
ihnen, damit eigentlich mit meinem Aussehen unzufrieden war,
betrachtete es als eine grobe Einmischung in meine Intimsphäre
und Persönlichkeit und lehnte es strikte ab. Ich kam, um meine
Haare zu schneiden und nicht um kosmetische Eingriffe über mich
ergehen zu lassen.
So blieb mir nichts anderes
übrig, als zu probieren, wie die nächste Coiffeuse ist, die ein
Stück weiter ihren Salon hat. Sie arbeitet alleine, dann
fummelte sie kurz an meinen Haaren herum, um die Arbeit wieder
einer anderen Lehrtochter zu überlassen. So wartete ich wieder,
bis sie kam. Solche Zyklen wiederholten sich. Es lief wie mit
Privatpatienten in manchen Operationssälen, nur hier wurde man
nicht betäubt und das Geschehen scharf wahr. Einmal wagte ich
schüchtern anzudeuten, dass bei mir die Lehrtochter ruhig die
ganze Arbeit verrichten könne, was schlicht überhört wurde.
Während der kurzen Abschnitte, die sie bei einem verbrachte,
fragte und sprach die Chefin ununterbrochen. Als ich versuchte,
in der mitgebrachten Zeitung zu lesen, spürte ich ihren
Unwillen, was für ein unfreundlicher und unhöflicher Sonderling
da sitzt. Beim Zahlen fragte eine der Lehrtöchter jeweils die
Chefin (nicht mich), wieviel sie verrechnen solle, und obwohl die
Länge meiner Haare von Fall zum Fall kaum um 2–3 mm änderte
und die Frisur gleich blieb, wechselte die Grösse der Rechnung
hin und her. Das schlimmste war, dass die Lehrtochter jedesmal
auch meine Augenbrauen zurechtzuschneiden versuchte. Ich verstand
nicht, warum sie mit ihnen, damit eigentlich mit meinem Aussehen
unzufrieden war, betrachtete es als eine grobe Einmischung in
meine Intimsphäre und Persönlichkeit und lehnte es strikte ab.
Ich kam, um meine Haare zu schneiden und nicht um kosmetische
Eingriffe über mich ergehen zu lassen.
So blieb mir nichts anderes
übrig, als zu probieren, wie die nächste Coiffeuse ist, die ein
Stück weiter ihren Salon hat. Sie arbeitet alleine, man muss
trotzdem oder ebendeswegen nie warten, der Preis ist stabil und
sogar um ein Viertel . Sie wäscht aber zuerst meinen Kopf, damit
sie die Haare gut schneiden kann. Ich muss also vorher mühsam
planen, wann ich sie selbst wasche, damit sie unter dem zu
häufigen Waschen nicht leiden und noch spröder werden, als sie
schon sind. Ihr Schnitt ist, wie es früher im Militär oder in
Strafanstalten üblich war, was den Vorteil hat, dass ich die
Frequenz der Besuche bei ihr ungefähr um die Hälfte senken
konnte. Es dauert aber jeweils zwei Wochen, bis ich wieder etwas
zivilisierter aussehe. Anfangs versuchte sie am Ende der
Behandlung meine Haare mit einer stark und mehrere Tage
riechenden Salbe einzuschmieren, wovon ich sie, im Unterschied
zum Haarewaschen, abbringen konnte.
So war ich froh, als ich
erfuhr, dass zwei Dörfer tiefer unten im Tal, wo wir die
Ferienwohnung haben, ein Coiffeurgeschäft existiert. Ich
kann dort mit dem Bus hinfahren, aber noch lieber laufe ich eine
Stunde hin und zurück. Der Wanderweg führt entlang der vor
Jahrhunderten angelegten Terrassen im Wald mit zerfallenen
Rustici, an einem grossen Gehege vorbei, in der manchmal Pferde
grasen, durchquert rauschende Bäche und Lichtungen, auf denen im
Sommer Schmetterlinge schwärmen. Kitschig, aber wahr, die Vögel
singen dazu, und im Frühjahr ruft der Kuckuck. Die Wildschweine
wühlen die Erde manchmal auf. Ende Mai muss man zwischen echten
und falschen Erdbeeren unterscheiden, im Juni sind Himbeeren
fällig, später Brombeeren. Auch die Düfte wechseln ständig.
Den ganzen Sommer hindurch bange ich, ob sich die schmalen
gelbgrünen Stengel der Kastanienblüten rechtzeitig in die
runden dunkelbraunen Marroni umwandeln. Sie schaffen es jedes
Jahr. Noch vor den Marroni sammle ich die Walnüsse. Im Winter
polstern den Weg die noch nicht verwehten Blätter, und man hat
freien Blick durch die Bäume auf den See.
Diese Coiffeuse schneidet
die Haare unheimlich schnell. Ich kann kaum die neusten
Sportresultate in der Zeitung durchschauen, schon ist sie fertig.
Die Frisur ist trotzdem perfekt. Unmittelbar vor den Feiertagen
sollte man aber nicht zu ihr gehen, da die älteren Frauen und
Männer aus dem ganzen Tal bei ihr Schlange stehen und sitzen und
heftig und laut Neuigkeiten und Ansichten austauschen. Leider
können wir nicht immer den Aufenthalt dort der Länge meiner
Haare anpassen, und so kehre ich ab und zu zur Coiffeuse am
Wohnort zurück. Sie wundert sich heimlich, warum ich so lange
pausiere und doch immer wiederkomme. Wie soll ich es ihr sagen?
Schweizerische Ärztezeitung |
Bulletin des médecins suisses | Bollettino dei medici svizzeri |
2008;89: 12/13:542-43.
Falls
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