Letzte Redaktionsänderung 12.9.2002
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Die Abmagerungskur oder wie ich fast
Anorexia wurde

"Du
wirst, wie auch ich, nie dick werden", pflegte mein Vater
zu sagen. Ausser eines Onkels mütterlicherseits war in der
Familie niemand übergewichtig. Dreissigjährig sprang ich mit
nicht ganz siebzig Kilo bei hunderteinundachtzig Zentimetern
(d.h. mit damals noch nicht gebräuchlichem
BMI knapp
oberhalb der Normgewichtsgrenze) über den eisernen Vorhang.
Auf der anderen Seite gelandet, stillte ich während der nächsten
fünf Jahre meine Neugier und mein Bedürfnis nach all den
guten bisher nicht gekannten Speisen oder oder
solchen, die man sich finanziell nicht erlauben konnte,
wie verschiedenen Käse- und Fleischsorten, Schokolade,
Bananen und brachte bald achtzig Kilo auf die Waage. Dann
warfen mich Salmonellen aus einem während einer Woche im Kühlschrank
aufbewahrten Hühnchen auf mein ursprüngliches Gewicht zurück.
Es war der letzte Tropf, der mein Junggesellendasein zum Überlaufen
brachte. Während den Ferienreisen lernten wir neue Speisen kennen, gern
haben (meistens ich) und zuzubereiten (nur meine Frau). So
begann ich nach dem Englandbesuch den Tag nicht selten mit
Speck und Eiern. Wenn man schon im täglichen Leben stark
belastet ist, sollte es an gutem Essen nicht fehlen. Ich bekam
so oft wie möglich meine Lieblingsgerichte aufgetischt und
nach jedem Mittagessen durfte Dessert nicht fehlen. Zur
Entspannung klang der Abend mit einem Glas Bier oder Wein aus.
In den Restaurants suchten wir möglichst
erlesene Speisen aus.
Meine
Hemden, Jacken, Hosen wurden dauernd etwas enger. Klar, mit
dem Alter richten sich die Rippen auf, und der Brustkorb
verbreitet sich dadurch. Meine Frau machte mich ab und zu
darauf aufmerksam, dass mir das Fett über den Gurt zu quellen
beginne. Eben, auch die Haut wird weniger elastisch und bildet
leichter Wulste. Als ich ihn auf dem Rücken liegend
betrachtete, war der Bauch aber doch flach auf der Ebene des
Brustbeines. Ich dachte, es sei nur Sache des Standpunktes und
beruhigte sie, oder mich, mit den mit
den Worten meines Vaters, die ich anfangs erwähnte..
Es war
immer mühsamer in der Zeitnot schnell zu den Zügen zu laufen
und etliche Male fuhr mir das Tram vor der Nase weg. Nach dem
Restaurantbesuch während der Ferien kletterte ich in unsere
Wohnung mit schwerem Atem und nötigen Pausen den Berg hinauf
und wünschte, die Lage wäre umgekehrt, ich könnte zuerst
mit leerem Magen hinauf ins Restaurant laufen und dann mit
vollem, rundem Leib leichter runter in die Wohnung kugeln.
Offensichtlich meldete sich bei mir schon die Altersherzschwäche.
Als ich den neuen Handgelenk-Blutdruckmesser für die Praxis
kaufte, probierte ich geschwind stehend, ob er funktionierte.
Unmöglich, ich, der immer einen normalen Blutdruck hatte,
sollte plötzlich 105 diastolisch haben?! Ich setzte mich zum
Tisch und mass den Blutdruck mit dem üblichen Gerät nochmals
- er war normal. Ich muss diesen neuen Mist rückschicken! Ich
besann mich, doch den Blutdruck nochmals mit dem neuen Gerät
zu messen - der Wert war sitzend normal. Sicherheitshalber
wiederholte ich die Messung stehend mit dem alten Gerät.
Ergebnis: 105 diastolisch. Es war klar -
ich litt unter Hyperkinesie. In der Tat, ab und zu eine
kleine Dosis eines Betablockers besserte den Blutdruck für
eine gute Weile.
Während
der nächsten Weihnachtsskiferien in den österreichischen
Bergen genoss ich wieder einmal alle die aus der Kindheit
bekannten Mehlspeisen und andere Spezialitäten. Wie allgemein
bekannt, ist die österreichische Küche nur
eine Mischung aus ungarischen und tschechischen Speisen auf
solider slowakischer Grundlage. Als Kind habe ich all diese Köstlichkeiten
selten bekommen, jetzt mehrmals täglich. Als ich die
Skistiefel schliessen musste, konnte ich mich, nicht wegen Rückenschmerzen,
kaum biegen, und mein Freund musste immer wieder warten, bis
ich ihn am Hang folgen konnte. Nach Hause zurückgekehrt wog
ich zweiundneunzig Kilo. Jetzt reichte es mir, es musste etwas
geschehen!
Wegen
ihrer Kopf- und Knieschmerzen sowie Knoten in der Brust berührte
meine Frau schon seit Jahren keine Süssigkeiten, keinen
Kaffee, Alkohol und Fleisch mehr. Letzteres auch aus Liebe zu
den Tieren und dem Wunsch, selbst etwas gegen die Zerstörung
der Umwelt zu tun. Anfangs wies ich sie auf diesen "grün-komplementären"
Weg, aber inzwischen suchte sie erfolgreich neue Pfade, und so
begann sie im Kampf gegen ihre Allergien sogar zu rotieren,
d.h. sie ass nur einfache, klar und übersichtlich
zusammengestellte Speisen und kein Lebensmittel öfters als in
einem Abstand von
vier Tagen. Entgegen der üblichen Meinung auch mancher
Allergieexperten wird die Ernährung durch diese strenge Regel
nicht ärmer, sondern vielfältiger. Stellen Sie sich vor, man
kann Brot nur jeden fünften Tag essen - notgedrungen muss man
für jeden der restlichen drei Tage einen anderen Ersatz
finden. Ein Stück weit begleitete ich sie bereits dabei. Zu
ihren ständig wechselnden Salaten, Gemüsen und Beilagen
bekam ich aber weiterhin meine Sossen und mein Fleisch, zu den
Zwischenmahlzeiten die mit Fleisch oder Käse belegten Brötchen
oder einen Kuchen und trank weiterhin mein geliebtes Bier oder
ein Glas Wein. Die beschränkte "Mitrotation" merkte
ich somit kaum.
Jetzt war
aber Schluss damit! Ich begann konsequent und vegetarisch
mitzurotieren. Ich ass regelmässig, fünf- bis sechsmal pro
Tag, damit sich der Hunger nie meldete, da er ähnlich dem
Alkohol den Willen bricht und den Weg zum Ziel erschwert. Als
Zwischenmahlzeiten nahm ich Obst, rohes Gemüse (Kohlraben,
Karotten, Radieschen, Blumenkohl - schmeckt vorzüglich, und
oh Wunder, ich bekam dadurch weder grosse Ohren noch Hasenzüge)
oder verschiedene Getreidewaffeln und -fladen. Reiswaffeln
kann man fertig kaufen, und die anderen, aus Mais, Buchweizen,
Hirse und Kartoffeln buk
meine Frau je nach Rotationsschema. Ich ass auch nur so viel,
wie es nötig war, den Hunger vom Leibe zu halten, und nicht
wie viel ich mochte. Damit gewöhnte ich mich leichter an die
neuen einfachen, "reinen" Speisen und begann wieder
ihren guten Geschmack zu schätzen. Eigentlich alle die
Beilagen, Sossen, Majonäsen und raffinierten Gewürzmischungen
verdarben ihn nur. Anfangs, um Entzugserscheinungen zu
vermeiden, schnitt ich mir ab und zu, am Tag des Schweines
doch drei "Schnifeli" der geliebten Wurst, welche
ich aus Italien mitbrachte. Ich hielt es vielleicht auch
deswegen aus, da ich aus den Kriegszeiten gewohnt war, mich
einzuschränken. Damals als Kind genoss ich eine Tafel
Schokolade, die ich weiss Gott wie erhalten hatte, monatelang
in kleinen Brocken. Jetzt trieb mich aber nicht die äussere
Not, nein, aus freien Stücken hatte ich mich dazu
entschlossen wegen des hehren und nützlichen Ziels, wegen der
Gewichtsabnahme! In der Tat, ich schmolz langsam. Nach einem
Monat war ich bereits um drei Kilo leichter. Bei Einladungen
und anderen Anlässen ass ich noch, was angeboten wurde. Als
ich jeweils am nächsten Tag auch wegen der (zu) gut
gesalzenen Speisen und der zurückgehaltenen Flüssigkeit um
ein, zwei Kilo schwerer wurde, die ich erst während Tagen
wieder mühsam verlor, bereute ich die Schwäche und
Nachgiebigkeit und wurde pickelhart und wählerisch - ich nahm
nur die kalorienarmen Speisen und keinen Tropfen Alkohol dazu.
Merkwürdig, meiner Laune machte es keinen Abbruch und auch
"trocken" fühlte ich mich mit den Alkoholtrinkenden
gleich wohl. Langsam gewöhnten sich die Freunde an unsere
"Ernährungsfaxen" und fragten zuerst, was wir am
Tag der Einladung der Rotation nach essen dürfen. Mit der
Vorbereitung der einfachen Speisen hatten die Gastgeber keine
Mühe, und manche begannen, sich ähnlich zu ernähren. In
Restaurants bestellte ich meistens nur Salat mit Öl als
Vorspeise und als Hauptspeise die Beilage mit Gemüse, ohne
Fleisch und Sosse. Auch wenn es umgekehrt ist, meint man aus
unerklärlichen Gründen, dass die Vegetarier nicht viel zu
essen brauchen, und ihre Portionen sind meistens kleiner als
die der Fleischesser. Um satt zu werden, bestellte ich nicht
selten die Beilage nochmals als Dessert, manchmal ohne Skrupel
sogar doppelt. Ich gab für das Entgegenkommen und um den
Umsatzverlust auszugleichen (es wurde mir meistens weniger
verrechnet als für das Menu mit Fleisch) etwas mehr
Trinkgeld, und so wurde ich trotz meiner Sonderwünsche ein
willkommener Gast. Während einer mehrwöchigen Vertretung in
Basel wusste der Kellner schon bei meinem Eintritt ins
Restaurant, was er mir an welchem Tag servieren soll.
Mit den
verlorenen Kilos fühlte ich mich immer wohler. Ich kann mich
beherrschen, das Ziel verfolgen, mein Geist kann die niedrigen
Gelüste des Körpers besiegen, kurzum, ich bin ein starker,
erfolgreicher Mensch. Ich fühlte mich wie ein Hobbygärtner -
was immer ihm auch beruflich und persönlich zustösst, die
Pflanzen, welche er gesetzt hat, gedeihen und er sieht,
schmeckt und geniesst die Früchte seiner Bemühung (ausser,
wenn ihm Hagel alles zerstört!). Bei verschiedenen
Gelegenheiten beobachtete ich mit gewisser Erhabenheit die
eher rundlichen Gestalten neben mir, die plan- und hemmungslos
dick belegte Brote, schuhsohlengrosse Steaks, fantasievolle
Desserts in sich stopften, genüsslich mampften und alles mit
Wein runterspülten und so ihre Gesundheit langsam aber
sicher, ob bewusst oder unbewusst ruinierten, während ich zum
fast heiligen Zweck an meinem Glas reinen Mineralwassers
nippte.
Nach einem
Jahr verschwanden die Fettwulste, der Bauch war auch stehend
auf dem Niveau des Brustbeines, liegend machte er sogar eine
Delle, ich bekam wieder Taille, lief den "Stutz" aus
dem Restaurant in die Ferienwohnung trotz vollem Magen wie ein
Reh hinauf und der Freund musste beim Skifahren achten, dass
ich die Piste nicht als erster runtersauste. Die lästigen Erkältungsviren,
die mir jahrelang während des Winters fast ununterbrochen das
Leben erschwerten, machten plötzlich einen weiten Bogen um
mich, der Blutdruck war auch ohne Betablocker immer im
Normbereich, meine Gicht hatte ich mit einem Bruchteil der
bisherigen Medikamentendosis unter Kontrolle, beim
Belastungstest erreichte ich überdurchschnittliche Werte und
auf der Waage fünfundsiebzig Kilo. Ich durfte zufrieden sein,
oder? Das reichte mir aber nicht, ich wollte das Gewicht
meiner Jugend haben, wie die von mir bewunderten Tenniscracks
aussehen.
Jetzt
begann ich mich zu plagen. Ich ass nur noch kalorienärmere,
vorwiegend aus zellulose- und anderen Fasern bestehende
Speisen, also fast nur Gemüse und Obst und schwamm ein, zwei
Kilometer pro Tag, manchmal bei siebzehn Grad
Wassertemperatur, aber ausser eines unerträglichen Hungers
erreichte ich nicht viel. Wenn ich mich schon einmal den
dreiundsiebzig Kilo näherte, brachte mich ein unvermeidlicher
Ausrutscher, den ich früher in drei bis vier Tagen
korrigierte, wieder auf die fünfundsiebzig Kilo, die ich
wochenlang nicht wegbringen konnte. Ich sah zwar immer noch
nicht wie ein Hase aus, aber offensichtlich begann allmählich
wie ein Ochse sogar die Zellulose zu verwerten. Schweren
Herzens begrub ich den Traum und steckte den Misserfolg ein.
Bekanntlich hat auch das Anti-Aging Grenzen. Jetzt rotiere ich
gelassen schon mehrere Jahre zwischen fünf- und
sechsundsiebzig Kilo. Zwei-dreimal pro Woche esse ich wieder
Fleisch, weiterhin ohne Sossen. Ab und zu, bei Einladungen und
Festen schlage ich mit besonderem Genuss über die Stränge.
Ich habe den Eindruck, ich ernähre mich wie ich es in der
Kindheit gewohnt war, fast wie unsere Vorahnen, die auch gerne
ab und zu festeten.
Falls Sie uns
wieder besuchen möchten
(was uns unheimlich freuen würde)
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