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Letzte redaktionelle Änderung 20.10.06
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und Begriffen durchsuchen.
Allergie ist nichts Aussergewöhnliches, sie
ist die Regel.
Vaughan
WT, 1934
Wir alle können Allergiker werden.
Ratner
B und Silberman DE, 1952
Begriffe
und Einteilungen (der Allergien)
Die verschiedenen Auslegungen des Begriffes
"Allergie" sind so alt, wie er selbst. Eine Geschichte
dieser Auseinandersetzung beschreibt das sehr interessante Buch von
Jackson M: "Allergy. The History of a Modern Malady" (ISBN
1-86189-271-3).
Der Wiener Professor der Kinderheilkunde, Clemens
von Pirquet, führte 1906 den Begriff der Allergie ein. Seine
Definition lautet:
"Allergie ist die veränderte, d.h.
gesteigerte oder verminderte Reaktionsweise
("Andersempfindlichkeit") des Organismus".
Eine andere Definition:
"Eine Allergie oder Überempfindlichkeit lässt
sich definieren als erworbene spezifische Änderung der
Reaktionslage".
Eine Definition, die man auf der Seite
des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der
Wissenschaftlichen Forschung findet: "Allergie ist Überempfindlichkeit
des Immunsystems gegenüber körperfremden Substanzen".

Ich kann einige Test machen, aber ich würde
sagen, Sie haben eine Allergie auf den Schweizerkäse.
Unter dem "spezifisch" in der zweiten
Definition meint man immunologische Reaktionen, d. h. Reaktionen,
bei denen ein Auslöser, sog. Antigen und dessen Gegensatz, sog.
Antikörper, mit und gegen das Antigen wirkt.
Nach Gsell
und Coombs unterscheidet man vier Typen der immunologischen
Reaktionen:
Typ-I-Reaktionen werden durch präformierte
IgE-Antikörper hervorgerufen und sind charakterisiert durch wenige
Minuten bis 72 Stunden nach Therapiebeginn einsetzende Symptome (Urticaria,
Quincke-Ödeme bis anaphylaktischer Schock).
Typ-II-(z. B. hämolytische Anämie) und
Typ-III-(Serumkrankheit)-Reaktionen werden durch IgG-(IgM)-Antikörper
hervorgerufen, treten aber trotz Vorhandensein der Antikörper nur
unter bestimmten, jedoch nicht klar definierten Bedingungen auf und
sind daher schwer vorherzusagen.
Typ-IV-Reaktionen (z.B. Kontaktdermatitis)
Einteilung der
Lebensmittelunverträglichkeiten*
(Intoleranzen im breiten Sinne des Wortes)
1. Psychosomatische
2. Toxische
3. Nicht toxische
3.1. Immunologische Reaktionen (Allergien)
3.1.1. IgE-vermittelt (Typ I - unmittelbare Reaktionen, z. B.
Insektenstichallergie)
3.1.2. Nicht-IgE-vermittelt (Typ IV, gemischte und unklare Formen)
3.2. Nicht-immunologische Reaktionen (Intoleranzen
im engen Sinne des Wortes)
3.2.1. Enzymopathien (z. B. Laktoseintoleranz)
3.2.2. Pharmakologisch (z. B. Histaminintoleranz)
3.2.3. Nicht definiert
Manche Fachleute beschränkten neulich den Begriff
"Allergie" nur auf Typ I (3.1.1.). Das sind unmittelbare
immunologische Reaktionen wie z. B. Insektenstich-Allergien, die
durch sog. Reagine vermittelt werden. Dabei ist eine Klasse von
Antikörper, die Immunglobuline der Gruppe E (IgE) erhöht.
Die anderen, verspäteten immunologischen
Reaktionen Typ II, III und IV (3.1.2.), ordnen sie, vor allem im
Bereich der Lebensmittelallergien, zu den "Intoleranzen"
oder bestenfalls zu "Reaktionen mit immunologischem
Mechanismus". Man nennt sie auch "Pseudoallergien"
oder auch "nicht allergische Überempfindlichkeit". Dies
ist aus verschiedenen Gründen verwirrend. Die Bezeichnung
"Intoleranz" (Unverträglichkeit) wurde ursprünglich für
nichtimmunologische Störungen wie Laktose-Intoleranz verwendet.
Man sollte den Ausdruck "Allergie"
mindestens für alle immunologischen Prozesse beibehalten (3.1.),
wie es die neue Einteilung tut (s.unten),
da man sonst den Anschein erweckt, alle Intoleranzen
seien nichtimmunologische Prozesse. Es gibt auch sprachliche
Probleme. Wie soll man dann die Massnahmen gegen die
nichtreagin-vermittelten immunologischen Phänomene nennen? Im
Bereiche der Ernährung z. B. "Antiunverträglichkeits-Diät",
"Antiintoleranz-Diät", oder sogar "Antiimmunologische-Reaktions-Diät"?
Es wäre zu umständlich, zu kompliziert und eigentlich auch nicht
richtig, da es keine guten Gründe gibt, von der Definition der
Allergie abzurücken. Noch dazu sind Diät und die Ernährung gegen
immunologische Reaktionen, ob Typ I, II, III oder IV Reaktionen
sowohl im Prinzip wie auch in der Ausführung ähnlich.
Der bisherigen Unklarheit und Verwirrung in der
Bezeichnung verschiedener krankhafter Zustände als Unverträglichkeiten,
Allergien, Pseudoallergien, Überempfindlichkeiten, usw., versucht
die "Europäische Akademie der Allergologie und Klinischen
Immunologie" neuerlich ein Ende zu bereiten. Sie entwarf
folgende neue Bezeichnung (Nomenklatur), die auf den gegenwärtigen
Kenntnissen über die Vorgänge, die "allergische"
Reaktionen verursachen und vermitteln, begründet ist:

Überempfindlichkeit (Hypersensitivity)
ist der Überbegriff, ähnlich der früheren Unverträglichkeit oder
Intoleranz (s. die Einteilung oben). Dazu gehören sowohl
"nicht immunologisch" bedingte Zustände wie auch
Allergie -
immunologisch bedingte Zustände, ob mit IgE- (3.1.1.-oben), IgG
(3.1.2.-oben)-Beteiligung , oder mit einem (bisher) nicht bekannten
Mechanismus auch 3.1.2.-oben). Als
Atopie - bezeichnet
man gewisse Zustände und Krankheiten mit IgE-Beteiligung
(3.1.1.-oben).
Jeder Zustand, jede Krankheit soll man jeweils als
allergisch, nichtallergisch, IgE-vermittelt oder
nicht-IgE-vermittelt bezeichnen.
Die Akademie hofft, dass damit verschiedene nicht klare Begriffe
verschwinden, wie z.B. "Idiosynkrasie" (neu Überempfindlichkeit);
"Pseudoallergie" (neu nichtallergische Überempfindlichkeit);
"extrinsisches", "intrinsisches",
"endogenes" und "exogenes" Asthma (neu
allergisches, möglicherweise IgE-vermitteltes Asthma und
nichtallergisches Asthma); "atopisches Ekzem" (neu "atopisches
Ekzem/Dermatitis-Syndrom: allergisches (möglicherweise
IgE-vermitteltes) oder nichtallergisches Ekzem);
"intrinsische" und "kryptogene Variante des
Ekzems" (neu "nichtallergisches, atopisches
Ekzem/Dermatitis- Syndrom");
"Nahrungsmittel-Intoleranz" (neu "nichtallergische
Nahrungsmittel-Überempfindlichkeit") und "anaphylactoide
Reaktion" (neu "nichtallergische Anaphylaxie").
Diese wissenschaftliche Einteilung ist sicher gewöhnungsbedürftig
und die Bezeichnungen, wie die oberen
Beispiele zeigen, kein Gipfel der Einfachheit. Sie wird sich kaum in
der Umgangssprache durchsetzen. Ein weiterer Nachteil scheint uns zu
sein, dass die "Enzymopathien" (s. oben die alte
Einteilung) wie z.B. Laktoseintoleranz,
die doch eine besondere, bekannte, klare Entstehungsweise haben,
nicht ausgegrenzt und als solche gekennzeichnet werden.
Ein weiteres Problem ist, dass ein krankhafter
Zustand durch mehrere Mechanismen verursacht werden kann: an der
Entstehung eines Ekzems können sich bei demselben Menschen sowohl
eine IgE-Atopie (-allergie) auf eines der Milcheiweisse, wie auch
eine IgG- (oder nicht IgE-) Allergie auf ein anderes Milcheiweiss
und eine mit noch unbekanntem Mechanismus auf das dritte
Milcheiweiss beteiligen. Der Betroffene kann auch unter der Laktose-Überempfindlichkeit
leiden, die ihm zusätzlich Bauchprobleme bereitet! Häufig gibt es
Allergien unterschiedlicher Art auf verschiedene Lebensmittel und
andere Substanzen.
Die verschiedenen und uneinheitlichen Ausdrücke
sorgen vorläufig für Verwirrung. Sie spiegeln die Bemühungen um
sprachliche Differenzierung der verschiedenen
Entstehungsweisen der Allergie. Hoffentlich wird man sich mit der
Zeit auf klare, einfache, brauchbare Begriffe einigen können. Dabei
sollte Allergie, wie auch schon in der Umgangssprache üblich**, im ursprünglichen
(und kinesiologischen) Sinne des Wortes
als Überbegriff bestehen bleiben.
Im Herbst 2004 erschien in der
angesehenen gastroenterologischen Zeitschrift "Gut"
(53:1391-3) ein
Artikel (Isolauri E, Rautava S, Kalliomäki M: Food allergy in irritable
bowel syndrome: new facts and old fallacies), der diese Überlegungen
und Ansichten völlig bestätigt und
die Rückkehr zur ursprünglichen Auffassung von Pirquets verlangt.
* Leicht verändert nach Bruijnzeel-Koomen C, Ortolani C, Aas K,
Bindslev-Jensen K, Björksten B, Wüthrich B: Adverse reactions to
food. Position paper of the European Academy of Allergy and Clinical
Immunology. Allergy 1995;59:623-5.
** Der Begriff der Allergie hat sich ähnlich dem Ausdruck
"Stress", aus Fachkreisen in der Umgangssprache
verbreitet. Bei jeder zweiten geschiedenen Ehe hört man als Grund
"Ich bin auf meine(n) Frau / Mann allergisch geworden",
womit man überempfindlich meint. Sie / er ist also für den
Betroffenen un(v)erträglich geworden.
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